Halbmarathon laufen können sie, das haben sie in Peking bewiesen. Tanzen, Boxen und Wäsche falten geht auch. Aber was können humanoide Roboter in der Industrie leisten, wo Faktoren wie Taktzeit, Genauigkeit, Sicherheit, Wartbarkeit und Kosten zählen? Anders gefragt: Können sie nicht nur laufen, winken und Wäsche sortieren, sondern auch zuverlässig arbeiten?

Genau diesen Realitätscheck bringt die it’s OWL Initiative „Stratosfare“ auf die FMB. Als Teil des it’s OWL Gemeinschaftsstands in Halle 20, Stand 20-900 zeigt Stratosfare eine konkrete Anwendung aus der Logistik: Ein humanoider Roboter übernimmt gemeinsam mit einem weiteren Roboter eine Logistikaufgabe. Die Demonstration macht sichtbar, welche Fähigkeiten zusammenspielen müssen, damit aus einer beeindruckenden Bewegung ein belastbarer industrieller Prozess werden kann.

Dr. Martin Rabe, Head of Stratosfare, Fabian Machon, Head of Operations Stratosfare, und Sebastian Prinz, Abteilungsleiter Robotik und Automatisierung am Fraunhofer IEM, beschäftigen sich mit genau dieser Frage. Ihr Fazit: Humanoide Robotik entwickelt sich rasant. Aber sie ist noch kein Selbstläufer für die Fabrik. Fabian Machon, Head of Operations bei Stratosfare: „Viele Videos von Humanoiden im Einsatz sehen aus wie der Durchbruch. Aber Unternehmen müssen sich fragen: Wie stabil läuft ein Prozess? Wie schnell ist der Roboter? Wie viel Betreuung braucht er? Und ist er für diese Aufgabe wirklich besser als eine spezialisierte Lösung?“

Damit verschiebt sich die Perspektive. Die Frage ist nicht, ob humanoide Roboter irgendwann viel können. Die Frage ist, welche Aufgaben sie heute besser lösen als klassische Roboter, Cobots, fahrerlose Transportsysteme oder Sondermaschinen. Dabei muss berücksichtigt werden, dass die Humanoiden zwar einzelne Aufgaben ausführen können, dafür aber Zeit, die passende Umgebung und teils auch menschliche Unterstützung benötigen.

Warum ein günstiger Lernroboter strategisch wichtig sein kann

Unter diesen Vorzeichen rücken neben den großen humanoiden Systemen rücken auch kleinere Plattformen für Education und Forschung in den Blick und in den Markt, darunter der Booster K1. Sie Systeme sind nicht für den direkten produktiven Einsatz in Fabriken gedacht. Ihr Wert liegt woanders: Sie machen Robotik greifbar.

Für Hochschulen, Forschungseinrichtungen, Ausbildungsbereiche oder Innovationsabteilungen können diese Plattformen ein Einstieg sein, um mit Sensorik, Steuerung, Bewegung, Programmierung und Mensch-Roboter-Interaktion zu arbeiten. Fast jeder große Hersteller denkt inzwischen über kleinere, günstigere Varianten nach, damit Studierende, Schüler:innen oder Unternehmen früher mit humanoider Robotik experimentieren können.

Unternehmen, die humanoide Robotik irgendwann produktiv einsetzen wollen, müssen nicht nur ein System kaufen. Sie müssen verstehen, wie solche Systeme lernen, wie Aufgaben beschrieben werden, welche Daten gebraucht werden und welche Prozesse überhaupt geeignet sind.

Dr. Martin Rabe, Head of Stratosfare: „Humanoide Robotik ist kein Thema, das Unternehmen erst anschauen sollten, wenn alles perfekt funktioniert. Jetzt ist der Moment, um Grenzen zu verstehen, Kompetenzen aufzubauen und gemeinsam herauszufinden, welche Use Cases wirklich tragen.“

In der Fabrik entscheidet die Taktzeit

Für Unternehmen wird es dort interessant, wo der Roboter nicht bloß winkt oder läuft, sondern Aufgaben übernimmt, die heute schwer zu automatisieren sind: Anlagen inspizieren, Bauteile greifen, Material bewegen, einfache Tätigkeiten entlang der Linie ausführen.

Systeme wie Olli oder TRON von LimX Dynamics zeigen, wie mobil und agil Robotikplattformen inzwischen werden können. Sie können sich in unebenen Umgebungen bewegen, Spezial-Sensorik tragen und perspektivisch Baustellen, Industrieanlagen oder schwer zugängliche Bereiche inspizieren. Gerade dort,- wo es um Mobilität, Wahrnehmung und Datenerfassung geht – könnte der Nutzen früher entstehen als in der hochpräzisen Montage.

Hier könnten Roboter Anlagen ablaufen, Bilder aufnehmen, Messwerte sammeln oder digitale Zwillinge mit aktuellen Informationen versorgen. Bei Montage und Logistik sind die Hürden größer. Hier müssen sie greifen, referenzieren, Kraft dosieren, Zielpositionen erkennen, mit Abweichungen umgehen und dabei schnell genug sein, damit der Prozess wirtschaftlich bleibt. Sebastian Prinz, Abteilungsleiter Robotik und Automatisierung am Fraunhofer IEM: „In der Industrie zählt nicht, ob ein Roboter einmal ein Teil greifen kann. Entscheidend ist, ob er es tausendmal schafft – sicher, reproduzierbar und in einer Geschwindigkeit, die zum Prozess passt“, sagt Machon.

Der Kaffee ist nicht das Ziel – sondern der Test

Ein Becher, ein Display, ein Kaffeeautomat: Mehr braucht es manchmal nicht, um die Herausforderungen der humanoiden Robotik sichtbar zu machen, wie ein Demonstrator des Fraunhofer IEM zeigt. Der Roboter sollte einen Becher greifen, ihn unter dem Auslauf positionieren und die Maschine bedienen.

Noch kein Fabrikalltag: Einem humanoiden Roboter wird beigebracht, einen Becher zu halten. Es ist ein scheinbar einfacher Handgriff, der in der Praxis viele technische Fähigkeiten bündelt. Foto: it’s OWL

Für Menschen ist das Routine. Für einen Roboter ist es eine Kette aus anspruchsvollen Teilaufgaben. Er muss den Becher erkennen, ihn sicher greifen, seine eigene Position überprüfen, das Ziel anfahren, ein Display bedienen und auf Abweichungen reagieren. Das ist eine Aufgabe, die einem „Handgriff“ in der Industrie recht nahe kommt. Wenn er sie beherrscht (und das heißt: wenn er sehen, greifen, sich orientieren, eine Aufgabe wiederholen und mit Abweichungen umgehen kann, lässt sich daraus vielleicht ein wirtschaftlicher Prozess ableiten.

Wenn Roboter in die Berufsschule gehen

Wie sollen potenzielle Anwender solche Aufgaben angehen? Die it’s OWL Initiative Stratosfare und das Fraunhofer IEM beantworten diese Frage nicht nur theoretisch. Im IoT Xperience Center des Fraunhofer IEM steht eine Test- und Lerninfrastruktur bereit, in der Unternehmen humanoide Robotik unter realistischen Bedingungen erproben können.

Im Mittelpunkt steht hier eine Zelle, die typische Prozesse aus Produktion und Intralogistik nachstellt. Dort werden Teile aus einem Lagerbereich entnommen, auf ein Transportfahrzeug gelegt, zu einem Arbeitsplatz gebracht und wieder abgelegt. Der Prozess ist bewusst einfach gewählt, weil er in vielen produzierenden Unternehmen vorkommt. Wenn sich daran zeigen lässt, was humanoide Robotik leisten kann und wo sie scheitert, entsteht ein übertragbarer Erkenntnisgewinn.

Das IoT Experience Center wird dabei eine besondere Aufgabe übernehmen. Dr. Martin Rabe:

„Wir müssen humanoide Roboter nicht nur testen, sondern sie trainieren und an industrielle Aufgaben heranführen. Man kann sich das wie eine Berufsschule für Roboter vorstellen: Unternehmen bringen reale Aufgaben ein, und gemeinsam lernen wir, welche Fähigkeiten dafür aufgebaut werden müssen.“

So kommen Unternehmen zur belastbaren Entscheidung

Angesichts der aktuellen Marktreife der Humanoiden könnten Unternehmen zum naheliegenden Schluss kommen: besser noch warten. Die Systeme sind teuer, die Einsatzreife ist begrenzt, viele Anwendungen wirken experimentell.

Das ist verständlich, aber nicht ohne Risiko.Wenn humanoide Robotik tatsächlich zu einer relevanten Automatisierungstechnologie wird, entscheidet nicht nur der Kaufzeitpunkt. Entscheidend ist, wer früh versteht, welche Prozesse geeignet sind, welche Daten gebraucht werden, welche Kompetenzen im Unternehmen fehlen und welche Partner notwendig sind. Genau diese Lernkurve lässt sich später nicht beliebig beschleunigen. Dr. Martin Rabe zieht dabei eine Parallele zu Künstlicher Intelligenz. Auch dort wurde sichtbar, wie schwer es ist, als reiner Follower aufzuholen, wenn grundlegende Kompetenzen, Daten und Erfahrungswissen fehlen.

Für humanoide Robotik stellt sich deshalb früh die strategische Frage: Ist das wieder ein Technologiefeld, das Unternehmen nicht verschlafen sollten – auch wenn der breite produktive Einsatz noch nicht erreicht ist? Und wenn ja – wo setzt man sie am besten ein?

Auf der FMB können Besucher:innen auf dem it’s OWL Gemeinschaftsstand in Halle 20, Stand 20-900 einen humanoiden Roboter erleben, der mit einem weiteren Roboter eine Logistikaufgabe erledigt. Foto: it’s OWL

 Für it’s OWL und Stratosfare liegt genau darin der Ansatz: neue Technologien früh identifizieren, gemeinsam mit Unternehmen testen und in konkrete Anwendungen übersetzen. Nicht jedes Unternehmen muss einen Humanoiden anschaffen, eigene Testumgebungen aufbauen und dieselben Fehler machen. Der größere Hebel entsteht, wenn Unternehmen Erfahrungen, Use Cases und Kompetenzen gemeinsam entwickeln. Und sie sollten dieses Thema jetzt strukturiert beobachten und erproben. Nicht, weil morgen überall humanoide Roboter durch Fabriken laufen. Sondern weil die entscheidende Kompetenz früher entsteht: zu wissen, wann sich der Einsatz lohnt und wann nicht.

Weitere Informationen zu Stratosfare: www.stratosfare.de.